Kirchengemeinde Harpstedt probiert ungewöhnliches Veranstaltungsformat aus
Harpstedt – Scheitern und das Verstehen liegen oft eng beieinander. Das hat wohl jeder von uns schon auf dem einen oder anderen Wege erfahren. Was der Einzelne daraus macht und wie ein negatives Ende solchen Scheiterns vermieden werden kann, das zeigte die erste „Fuckup Night“ der Kirchengemeinde Harpstedt im Gemeindehaus.
Das Motto des Abends erscheint zunächst etwas befremdlich: Der derbe Begriff aus dem Englischen bezeichnet einen schweren Fehler, ein Missgeschick oder eine Person, die alles zum eigenen Nachteil vermasselt. Beschrieben werden damit die Situationen, die völlig aus dem Ruder gelaufen sind oder komplette Fehlschläge. Bekannt sind solche Veranstaltungen aus der Wirtschaft: Unternehmer und Fachleute sprechen dabei offen von ihren beruflichen Misserfolgen, um dadurch eine offene Kultur des Lernens zu fördern.
Knapp 40 Personen, darunter Erwachsene, junge Leute und auch Konfirmanden, fanden sich am Freitagabend im Gemeindezentrum auf Einladung der Pastoren Sascha Maskow und Stephan Knapmeyer aus Leeste zur ersten Veranstaltung dieser Art in der Harpstedter Kirchengemeinde ein. Den lockeren Abend bei Getränken und Snacks im wohltemperierten Gemeinderaum begleiteten Maskow (Keyboards) und Claas Akkermann (Gitarre) mit Musik und Gesang.
Knapmeyer, der in den von ihm betreuten Kirchengemeinden Weyhe und Leeste schon zweimal eine „Fuckup Night“ mit großem Zuspruch veranstaltete, bot nun in Zusammenarbeit mit Maskow erstmals im Flecken einen Abend mit „Geschichten vom Scheitern und Verstehen“ an. „An diesem Abend hören wir Geschichten von Menschen, bei denen Dinge im Leben schief gelaufen oder die an Aufgaben gescheitert sind. Wir hören das nicht, um darüber zu lachen, sondern den Umgang der Betroffenen mit der Lebenssituation wertzuschätzen“, so Knapmeyer.
Eine der drei beispielhaften Geschichten, die eine solche Situation des Scheiterns und Verstehen beschrieb, stellte Knapmeyer selber vor. Er erzählte von einem Freund aus den Schulzeiten, der ihn auf seinem weiteren Lebensweg begleitete und immer wieder da war, wenn es einen weiteren Lebenssprung gab. Kennengelernt hätten sie sich in der Freizeit- und Begegnungsstätte Oese bei Bremervörde. „Der Kontakt war intensiv. Zum bestandenen Abitur beglückwünschte er mich mit 30 Tüten Gummibären, weil ich die so gerne esse. Immer wieder war er da und dabei, auch bei Familienüberraschungen oder zu anderen Anlässen. Bis irgendwann keine Antwort mehr kam.“
Alle Versuche blieben unbeantwortet: „Bis heute weiß ich nicht, warum. Nur so viel, dass es den einst guten Freund noch gibt“, offenbarte der Leester seinen Zuhörern. „Bald konnte ich feststellen, dass dieses Phänomen auch anderen passiert ist. Ghosting wird ein plötzlicher Abbruch jeglicher Kommunikation ohne Erklärung oder Vorwarnung genannt. Die Person taucht wie ein ,Geist‘ ab.“ Und es zeigte sich, dass auch andere Teilnehmer des Abendes Ähnliches erfahren haben.
Per Youtube-Beitrag beschrieb Dorothea ihren langen Weg bis zur beruflichen Erfüllung und der eigenen Berufung. Schon als Vierjährige war sie stets gerne beim Zahnarzt in der Praxis. Der Berufsweg schien vorgegeben. Doch mehrfache Ausbildungsversuche und sogar das Studium der Zahnmedizin brach sie wieder ab. Es füllte sie einfach nicht aus. Über psychologische Beratung, Praktika, Schreiben von Artikeln für einen Radio-Podcast und letztendlich bis hin zu Reisen nach Arabien und dem Erlernen des Arabischen fand sie schließlich ihren beruflichen Weg. Sie hatte aus dem Scheitern auf vielen Umwegen verstanden, was für sie eine Berufung ausmachte.
Die dritte Geschichte stammte aus der Bibel. Pastor Knapmeyer trug sie so vor: Sie handelt von Jesus und seinem engen Jünger Simon. Dieser wollte der beste Freund Jesu sein. Doch wie weit ging diese Zuneigung? Als Jesus gefangen genommen wurde, leugnete Simon, später besser bekannt als Petrus, ihn zu kennen. Jesus ahnte das Scheitern. „Ich habe für Dich gebetet“, sagte er zu Simon. Der hatte verstanden und wurde später als einer der Leiter der Jerusalemer Urgemeinde dargestellt.
In Kleingruppen konnten alle Teilnehmer ihre eigenen Geschichten vom Scheitern und Verstehen austauschen. Passend zu dem Abendthema gab es Kompositionen wie „Du bist nicht allein“ von Florian Künstler und anderen aktuellen Sängern zu hören. Die „Fuckup Night“ wird wohl so in Harpstedt nicht wiederholt werden: „Wir planen aber neue Formate im Rahmen der Kirchenveranstaltungen“, sagte Pastor Maskow. Er selber lädt bereits für Sonntag, 1. März, 17 Uhr, an gleicher Stelle zur „Wohnzimmerkirche“ ein. Ziel sei es, einmal im Monat ein besonderes Kirchenformat anzubieten.