Pastor Gunnar Bösemann wird Gefängnis-Seelsorger in der JVA Oldenburg

Nachricht 23. Februar 2026

Abschied aus der Kirchengemeinde Harpstedt: Pastor Gunnar Bösemann wird Gefängnis-Seelsorger in der JVA Oldenburg

Pastor Gunnar Bösemann

„Bei der Frage nach meiner Heimat komme ich immer ein bisschen ins Strudeln“, sagt Gunnar Bösemann. Denn sein Leben und seine Arbeit haben ihn schon an viele Orte geführt. Nach Brasilien. In die Lüneburger Heide in Norddeutschland. Nach Florida in die USA. Ins Amazonas-Gebiet. Nach Botswana, Lesotho und in mehrere andere Länder im südlichen Afrika. Und vor elf Jahren dann in den Kirchenkreis Syke-Hoya, wo er seitdem Pastor der Kirchengemeinde Harpstedt ist und Beauftragter für „Brot für die Welt“.

Wahrscheinlich erwartet man, dass jemand mit so viel Bewegung in der Biografie irgendwie anders wirken müsste. Unruhiger, ungebundener, ein Mensch mit eher lockeren Wurzeln. Aber Gunnar Bösemann ist genau das Gegenteil. Er ist einer, der in sich ruht, der ankommt, sich einfindet, Beziehungen aufbaut, Verantwortung übernimmt und schnell den Eindruck macht, als wäre er schon ganz lange da.

Geboren und die ersten Jahre aufgewachsen in Brasilien, Jugend und Ausbildung in Deutschland, danach ging’s direkt wieder in die weite Welt. „Durch die vielen Jahre in unterschiedlichen multikulturellen und multilingualen Kontexten bin ich immer wieder neu aufgebrochen“, erzählt der 57-Jährige. Und nun steht für ihn und seine Frau Angelika wieder ein Aufbruch an. Ihre Kinder Marit und Tim sind in Harpstedt erwachsen geworden und gehen jetzt ihre eigenen Wege. Ein guter Zeitpunkt für eine neue Aufgabe, fand das Ehepaar.

Im Mai übernimmt Gunnar Bösemann die Stelle als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg. Dort wird er Nachfolger von Pastorin Angelika Menz, die in den Ruhestand geht. „Es ist keine Entscheidung gegen die Arbeit in der Kirchengemeinde Harpstedt oder den Ort oder die Menschen hier. Das ist mir ganz wichtig“, betont der Pastor. „Der Abschied fällt mir nicht leicht. Aber für mich war es einfach eine Herzensangelegenheit, gegen Ende meiner Berufszeit noch mal eine neue Herausforderung zu suchen. Es wird ja voraussichtlich meine letzte berufliche Station sein. Und da möchte ich gerne noch mal die ganze Summe meiner bisherigen Erfahrungen einbringen.“

Eine Justizvollzugsanstalt ist ein komplexer Arbeitsplatz. Das reizt Gunnar Bösemann. Am Hauptstandort in Oldenburg gibt es 304 Haftplätze für erwachsene Männer in unterschiedlichen Vollzugsformen: Untersuchungs- und Strafhaft, dazu ein Hochsicherheitsbereich. Gut 200 Bedienstete arbeiten hier – Aufsichtspersonal auf den Stationen, Mitarbeitende in Arbeitsbetrieben und Küche, medizinische, psychologische und psychiatrische Dienste sowie pädagogische und sozialpädagogische Fachkräfte. Das Seelsorge-Team – evangelisch, katholisch und muslimisch – ist im Austausch mit all diesen Bereichen und sowohl für die Inhaftierten als auch für die Mitarbeitenden ansprechbar.

„Dieses Spannungsfeld interessiert mich. Die Hintergründe und Abläufe der JVA, die Lebensgeschichten der Inhaftierten und die Bedürfnisse der dort Arbeitenden. Ich freue mich darauf, ihnen Angebote zu machen und als Seelsorger für sie da zu sein.“ Natürlich habe er großen Respekt vor der neuen Aufgabe. „Ich traue sie mir aber zu.“ Mit einer Langzeit-Fortbildung in „Psychoanalytisch orientierter Seelsorge“ und den Erfahrungen aus den vielen, sehr verschiedenen Stationen seines Berufslebens im Gepäck fühlt er sich gut vorbereitet.

„In den 15 Jahren, in denen ich in mehreren Ländern des südlichen Afrika gearbeitet habe, durfte ich ganz nah die Lebensgeschichten der mir anvertrauten Menschen begleiten. Mal über kurze, mal über lange Strecken. Die meisten lebten in prekären Umständen.“

Aus seiner Zeit in der Kirchengemeinde Harpstedt nimmt er andere Erlebnisse und Erkenntnisse mit, die er für die neue Stelle aber genauso wichtig findet: „Hier hatte ich ein Umfeld, das ich immer als sehr gemeinschaftlich erlebt habe – lebendig, engagiert, aktiv und vielseitig. Ich habe viel darüber gelernt, wie ich Menschen in einem sich stark verändernden kirchlichen Umfeld erreichen kann. Die Aufgaben in der Gemeinde waren vielschichtig und herausfordernd, aber wir sind sie immer gemeinsam angegangen: als Pfarrteam mit Kirchenvorstand und vielen Ehrenamtlichen.“

Inhaltlich haben ihn in jedem Arbeitsfeld die persönlichen Biografien von Menschen immer besonders interessiert. „Trauerfeiern liegen mir zum Beispiel sehr am Herzen, denn da geht es sehr konzentriert um die Betrachtung, Würdigung und Reflexion von Lebensgeschichten. Und jede einzelne ist besonders, egal, wie sie verlaufen ist.“ Gerade in einer Justizvollzugsanstalt, wo Brüche, Sinnfragen und Neuanfänge so dicht beieinanderliegen, ist ein Pastor mit einem starken Interesse an Lebenswegen sicherlich richtig.

Diesen Frühling verlässt Gunnar Bösemann Harpstedt. „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt er. „Aber wir bleiben ja in der Nähe – sogar im gleichen Landkreis.“ Seine Verabschiedung ist für Ostermontag, 6. April, um 15 Uhr in der Christuskirche geplant.

Miriam Unger

Diese neue Herausforderung ist für mich eine Herzensangelegenheit

Pastor Gunnar Bösemann