Nach elf Jahren zieht der Pastor weiter. Gunnar Bösemann wird Gefängnisseelsorger in Oldenburg und geht damit buchstäblich hinter Gitter.
Harpstedt – Elf Jahre lang war Pastor Gunnar Bösemann in der evangelisch-lutherischen Christusgemeinde in Harpstedt tätig. Am Ostermontag wird er ab 15 Uhr während eines Gottesdienstes in Harpstedt verabschiedet. Zusammen mit seiner Familie verlässt er die Samtgemeinde Harpstedt, bleibt aber dennoch im Landkreis Oldenburg wohnen. Für seine neue Aufgabe geht er buchstäblich hinter Gitter: als Gefängnisseelsorger in einer Justizvollzugsanstalt in Oldenburg. Daher steht Ende des Monats nun ein Umzug nach Hundsmühlen (Gemeinde Wardenburg) an. „Wir waren immer sehr gerne hier“, sagt Bösemann im Gespräch mit der Mediengruppe Kreiszeitung und schließt seine Frau Angelika sowie ihre Kinder Marit und Tim mit ein. „Wir lassen eine wichtige Lebensphase zurück.“
„Es ist ein toller Ort mit tollen Menschen“, beschreibt Bösemann die Harpstedter. Doch trotz der prägenden Lebensphase, die seine Familie und er hier verbracht haben, sei es nun Zeit, weiterzugehen und eine neue Aufgabe anzunehmen. Dieses Weiterziehen, dabei auch tatsächliche Grenzen zu überschreiten und immer wieder neu anzufangen, sei schon immer Teil seines Lebens gewesen. 1968 war er als Sohn deutscher Eltern in Brasilien auf die Welt gekommen und erst im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland „eingewandert“. Von dort zog es ihn wieder in die Welt hinaus.
„Wir kamen von weit weg“, erinnert er an die 15 Jahre, in denen er als Geistlicher für das Evangelisch-Lutherische Missionswerk im südlichen Afrika (Botswana, Lesotho, Mosambik und Südafrika) tätig war, bevor es in die Norddeutsche Tiefebene nach Harpstedt ging: „Das war eine ganz schöne Umstellung. Für die Kinder war es ein ganz neues Land“, erinnert er sich. Das sei in sich eine Herausforderung gewesen. Aber: „Die Harpstedter haben es uns leicht gemacht“, blickt Bösemann zurück, „wir haben sofort dazugehören können.“ Er habe auf seiner neuen Stelle von vielen Menschen Unterstützung erfahren.
Und das, so Bösemann, sei auch etwas, was diese christliche Gemeinschaft auszeichne: „Die Harpstedter Kirchengemeinde ist sehr vielfältig und lebendig – und sehr offen.“ Daher gebe es hier ein gutes Gleichgewicht zwischen „traditioneller Kirche“ und „neuer Kirche“. Die Gemeinde scheue sich nicht davor, selbst einmal andere Wege zu beschreiten. Das zeige sich etwa in der Art, Gottesdienste zu feiern, sowie im konstanten Bestreben, den Menschen zu entsprechen – die Gemeinde sei ein Teil des Fleckens und der umliegenden Gemeinden. Daher sei in Harpstedt die Kirche wirklich „mitten im Dorf“. Dadurch sei das Bewusstsein gewachsen, dass die Kirche allen gehöre: Das sei echte Teilhabe und letztlich ein Schlüssel zum Erfolg der Christusgemeinde, ist sich Bösemann sicher.
Nicht zuletzt deswegen passten die 4.500 Mitglieder so gut auf ihre Gemeinschaft auf. Es fänden sich immer wieder Menschen, die mitmachen, lobt der Geistliche das wertvolle Engagement auf allen Ebenen der Kirche: vom Kirchenvorstand bis hin zu denjenigen, die den Gemeindebrief verteilten. „Für den Harpstedter ist das Glas immer eher halb voll“, zieht er einen weiteren Vergleich, „auch kirchlich“. Das sei für ihn einer der Gründe gewesen, nie in eine andere Kirchengemeinde gegangen zu sein.
Ich mache mir keine Sorgen, wie es wird, wenn ich weggehe“, sagt der Pastor mit Bestimmtheit. Die frei werdende Stelle bleibe erhalten und werde wieder neu ausgeschrieben. Seine Aufgabe in Oldenburg ermögliche ihm, sich mehr auf die Seelsorge zu konzentrieren. Dort werde er zudem eine „neue kirchliche Kultur“ kennenlernen, erläutert Bösemann – denn Oldenburg gehöre ja zu der dortigen evangelischen Kirche, Harpstedt zur Hannoverschen Landeskirche. Die Stelle basiere auf einer Zusammenarbeit beider Seiten. Kooperieren werde er dort übrigens auch mit einem katholischen Kollegen.
Und nicht zuletzt sei die „Welt“ hinter Gittern eine ganz eigene, mit ganz eigenen Bewohnern, Regeln, Anforderungen und Ansprüchen. „Ich habe in meinem Leben viele Grenzen überschritten. Das finde ich total spannend“, sagt Pastor Bösemann abschließend. Doch selbst, wenn er jetzt mit seiner Familie an die andere Seite des Landkreises zieht: „Wir werden Harpstedt verbunden bleiben. Wir brechen unsere Zelte hier nicht einfach ab.“
Quelle: Kreiszeitung Online 04.04.2026